Der Kramperl
- 's Bertal
- 6. Dez. 2025
- 5 Min. Lesezeit
Heute ist der 6. Dezember, Nikolaustag, und draußen ist es Grau in Grau.
Der letzte Rest Schnee von Mitte November schmilzt dahin und ich denke daran, wie es früher war, als ich noch Kind war.
Knackig kalt war es in meinem Mansardenzimmer und an der Wand und Zimmerdecke glitzerten Eiskristalle, als ich munter wurde. Atmete ich durch den Mund aus, konnte ich meinen eigenen Atem sehen. Eigentlich hatte ich noch keine Lust aufzustehen, doch dann fiel mir ein, dass ja heute der 1. Dezember war. Mama hatte gestern schon einen Adventskalender am Fenster befestigt, so durfte ich heute das erste Türchen öffnen. Das war ein Grund, sich zu erheben. Ich lüftete meine Tuchent und stand auch schon neben meinem Bett. Der Fußboden war richtig kalt, ich blickte zum Fenster, an dem sich über Nacht Eisblumen gebildet hatten. Wunderschön sahen sie aus und ich fand es immer ein wenig schade, wenn es draußen wieder wärmer wurde, denn dann gab es auch keine Eisblumen mehr. Schnell schlüpfte ich in meine Filzpatschen und öffnete die Zimmertür. Im Stiegenhaus duftete es nach frisch gebackenen Keksen. Schnell lief ich hinunter in die Küche, wo Mama schon fest am Werken war. Es duftete herrlich und es war wohlig warm.
„Ausgeschlafen?“, fragte sie mich.
Ich nickte, gab ihr einen guten Morgenkuss und eilte zum Fenster. Da hing er, mein Adventskalender, und ich suchte das erste Türchen, welches ich heute öffnen durfte. Schnell hatte ich es gefunden und war gespannt, was sich dahinter verbarg.
„Ich hab’ dir Kakao gemacht und Kekse gibt es auch!“, hörte ich Mama sagen.
„Danke!“
Ich setzte mich zum Küchentisch und schlürfte den heißen Kakao. Er durfte nicht zu lange stehen, denn dann kühlte er aus und es bildete sich eine Haut, die ich so gar nicht mochte. Also schlürfte ich vor mich hin und tauchte Kekse ein, herrlich schmeckte das.
Mama hatte sich mit einer Tasse Kaffee und einem Butterbrot in der Hand zu mir gesetzt und lächelte.
„Hast noch gar nicht das erste Türchen geöffnet!“, sagte sie.
„Ja, mach’ ich dann gleich, wenn ich fertig bin!“
Ich trank die Tasse leer, stand auf, ging zum Fenster und betrachtete den Kalender in aller Ruhe. Schön war er anzusehen. Ein schneebedecktes Dorf war darauf zu sehen, darüber am Himmel flog das Christkind von vielen kleinen Engeln begleitet und sie warfen Weihnachtspäckchen hinunter auf die Erde.
Auch Knecht Ruprecht war zu sehen. Er fuhr in einem Schlitten, der von vier Rentieren gezogen wurde. Sein Schlitten war voll beladen mit Weihnachtspäckchen, nur zu gerne hätte ich gewusst, was darin alles verborgen war.
Nun öffnete ich das erste Türchen und es war eine Märchenfigur zu sehen, das tapfere Schneiderlein, dargestellt wie ein Scherenschnitt.
Mama kam zu mir ans Fenster und betrachtete auch das kleine Bildchen.
„Kennst du das Märchen?“, fragte sie.
„Das ist das tapfere Schneiderlein, wie es in seiner Werkstatt auf dem Tisch sitzt und näht!“, sagte ich darauf stolz.
„Richtig, erzähl mal!“ und ich fing an, die Geschichte zu erzählen.
In den folgenden Tagen kamen immer wieder neue Geschichten zum Vorschein. Viele kannte ich, doch gab es auch welche, die ich noch nicht kannte, die erzählte mir dann Mama.
Eine herrliche Zeit war das immer. Draußen lag Schnee und jeden Tag war Schlitten fahren angesagt oder eine Schneeballschlacht.
Dann kam der 5. Dezember, der Tag des Kramperl.
Der Tag verging, wie immer, mit viel spielen im freien und am Abend gab es dann heißes Fußbad und eine noch heißere Suppe zum Aufwärmen.
Nach dem Essen ging mein Vater in die Werkstatt, um ein wenig aufzuräumen. Meine Mutter erledigte den Abwasch, setzte sich dann zu mir an den Küchentisch und las die Zeitung, als plötzlich lautes Klopfen an der Haustüre zu hören war.
Mama stand auf und ging hinaus, um zu sehen, wer oder was da so laut klopfte.
Plötzlich war ein Brüllen zu hören, auch eine Kette rasselte.
Erschrocken blickte ich auf die Tür, welche plötzlich aufgestoßen wurde.
Da stand er und brüllte in die Küche, der Kramperl.
Ich hatte wahnsinnige Angst, als ich ihn sah, mit seinem schwarzen Mantel und dem dunkelblauen Kragen, der Rute, der Kette und dem hässlichen Gesicht mit den Hörnern am Kopf.
Er trat in die Küche und auf mich zu.
Mir blieb fast die Luft weg vor lauter Angst.
Plötzlich kam von hinten Mama in die Küche, schnappte den Kramperl am Kragen und schrie ihn an: „Schleich dich, du schircher Kerl, hier sind keine bösen Kinder. Raus mit dir, aber schnell!“
Der Kramperl brummte, schlug mit der Rute um sich und lief wieder nach draußen.
Dann kam Mama zurück, ich zitterte am ganzen Körper und sie versuchte mich zu beruhigen. Kurz darauf kam auch Papa wieder zurück aus dem Keller und fragte erstaunt: „Was war denn hier los?“, und Mama erzählte.
Er hörte zu, dann lächelte er und stellte ein rotes Sackerl vor mir auf den Tisch.
„Ich glaube, das ist dann ein Gruß vom Kramperl, weil er dich so erschrocken hat!“, sagte er.
Ich starrte auf dieses Sackerl und öffnete es nach einer Weile.
Da kam ein Kramperl aus Lebkuchen zum Vorschein und Mandarinen und Nüsse.
Am nächsten Tag war Nikolaus. Als ich am Morgen in die Küche hinunterging, sah ich etwas Rotes in meinen Stiefeln glänzen. Ich zog es heraus und freute mich, als ich auf dem Sackerl ein Bild vom Nikolaus sah. Der Tag war mein Freund und der Kramperl fast vergessen.
Als ich dann abends schon im Bett lag, hörte ich draußen leise wieder diese Rasseln einer Kette und zuckte zusammen. Die Neugierde besiegte jedoch die Angst, so stand ich auf, ging zum Fenster und rieb mit dem Finger ein Loch in die Eisblumen. Es war Vollmond und so konnte ich gut sehen, was draußen los war. Nichts war zu sehen und das Rasseln hatte auch wieder aufgehört. Gerade als ich mich wieder ins Bett legen wollte, hörte ich es erneut rasseln. Ich sah nochmals durch das Eisblumenloch und traute meinen Augen nicht. Da gingen wahrhaftig Nikolaus und Kramperl neben unserem Zaun die Straße entlang. Das Rasseln, das ich hörte, war die Kette vom Krampus, mit der er die schlimmen Kinder fing, mit der Rute klopfte er ihnen dann den Hintern aus und steckte sie danach in den Sack.
Wie angewurzelt stand ich am Fenster und sah ihnen nach, bis ich sie nicht mehr sah und auch kein Rasseln mehr hörte. Kalt war mir geworden, schnell schlüpfte ich wieder in mein Bett und mit aufregenden Gedanken schlief ich dann ein.
Später einmal suchte ich etwas in der Werkstatt meines Vaters, als ich wieder gehen wollte, sah ich neben der Tür auf einem Nagel eine rostige Kette hängen. Sie war noch von unseren Hunden. Ich trat näher, um sie genauer zu betrachten. Dann nahm ich sie vom Nagel und schüttelte sie. Das war dieses Rasseln und ein Verdacht keimte in mir.
Ich ging wieder nach oben und schlich mich ins Schlafzimmer meiner Eltern, öffnete leise den Wäscheschrank und da hing er, der Mantel vom Kramperl, mit dem dunkelblauen Kragen. Es war ein Hausmantel von Mama, den sie aber nie getragen hatte, darum kannte ich ihn auch nicht.
Die Kramperlmaske sah ich kurz darauf als Deko in der Auslage eines befreundeten Ehepaars, welches bei uns im Ort ein kleines Geschäft betrieb.
Somit war ich einiges gescheiter und beruhigt und wusste, was ich zu sagen hatte, sollte er wieder kommen.
Jedoch kam er nie wieder.

